Interview mit Prof. Dr. Ohr

Der FSR Wiwi hat ein Abschiedsinterview mit Frau Prof. Dr. Ohr geführt, da sie im kommenden Semester in den Ruhestand gehen wird.

 

Wie kamen Sie nach Göttingen?

Ich habe in Mainz studiert und direkt nach meinem Examen eine HiWi-Stelle in Köln bekommen. Danach habe ich in Essen promoviert, anschließend in Bochum habilitiert, und nachdem ich in Kiel eine Lehrstuhlvertretung übernommen hatte, bekam ich meinen ersten „richtigen“ Ruf an die Universität Stuttgart-Hohenheim. Die Professur und die Universität haben mir sehr gut gefallen, allerdings war Süddeutschland nicht mein Ding und so zog es mich nach einiger Zeit wieder in den Norden. Ich habe mich an mehreren Universitäten, unter anderem auch Göttingen, beworben. Göttingen kannte ich zuvor nicht, aber als ich herkam, habe ich mich auf Anhieb sehr wohlgefühlt.

Was waren Ihre Schwerpunkte hinsichtlich Ihrer Forschungsarbeit?

Schon in meinem Studium lag mein Fokus auf internationalen Wirtschaftsbeziehungen. Promotion und Habilitation befassten sich mit Themen der monetären Außenwirtschaftstheorie. In Hohenheim hatte ich dann einen Lehrstuhl für Außenwirtschaft, der sowohl Theorie als auch Politik der internationalen Wirtschaftsbeziehungen umfasste. Dort bin ich dann auch zum Thema Europa gekommen und habe europäische Wirtschaftsbeziehungen zu meinem Schwerpunkt gemacht. Zu dieser Zeit hat sich in diesem Bereich viel getan, insb. als der Euro eingeführt wurde. Allerdings gab es damals – und leider auch heute – nicht viele Professoren, die ihren Schwerpunkt auf Europäische Integration gelegt haben. Das ist schade, denn meine Europa-Vorlesungen waren immer gut besucht, d.h., das Interesse auf Seite der Studierenden ist durchaus vorhanden.

Wie stehen Sie zur aktuellen Europolitik?

Ich hatte ja relativ früh Kritik bezüglich des Euro geäußert. Traurigerweise hat sich diese Kritik bestätigt und ich bin der Meinung, dass die Eurokrise noch nicht abgeschlossen ist. Was ich momentan aber als sehr viel dramatischer erachte, ist die Möglichkeit eines „Brexits“. Sollte dies geschehen, bekommen wir wirklich Probleme innerhalb der Europäischen Union. Die Probleme der Eurozone sind im Übrigen mit ein Grund für die Kritik der Briten an der EU, denn mittlerweile haben die Mitglieder der Eurozone die Stimmenmehrheit, d.h. sie könnten für die gesamte EU Dinge beschließen, die auch die Nicht-Euro-Länder betreffen würden. Davor haben die Briten Angst, denn die Entscheidungen in der Eurozone sind ja durchaus diskussionswürdig.

Was haben Sie über Ihre Arbeit hinaus an der Fakultät gemacht?

In den ersten 10 Jahren war ich Direktorin des cege. Wir haben damals u.a. eine Reihe von auch in der überregionalen Presse wahrgenommenen wissenschaftlichen Tagungen organisiert. Darüber hinaus bin ich nach wie vor für den Bachelor- und Masterstudiengang der VWL zuständig, war auch viele Jahre Departmentsprecherin. Seit 10 Semestern bin ich Prüfungsausschussvorsitzende. Das vor allem ist ein Amt, das ich sehr gerne ausgeübt habe.

Was würden Sie als ihren tollsten Erfolg in Göttingen bezeichnen?

In jüngerer Zeit ist sicherlich meine „Heimtierstudie“ als Erfolg bezeichnen. Sie hat für großes öffentliches Aufsehen gesorgt, weil es eine solche Studie (zur wirtschaftlichen Bedeutung der Heimtierhaltung in Deutschland) vorher noch nicht gab. Die Arbeit an ihr hat mir zudem sehr viel Spaß gemacht, weil ich dort Hobby und Beruf verbinden konnte. Ein gewisser „Erfolg“ war auch, dass es mir gelungen ist, hier – wie auch an allen anderen Unis, an denen ich tätig war – meinen jeweiligen Hund (hier in Göttingen erst Justus, dann Nicos) mit ins Büro zu bringen, was das Arbeitsklima und auch das Verhältnis zu den Studierenden sehr positiv beeinflusst hat..

Was machen Sie nach der Uni?

Ich werde mich definitiv nicht mehr so viel mit Ökonomie befassen. Es war nämlich nicht so, dass ich von Anfang an in diese Richtung gehen wollte. Dass ich angefangen habe, VWL zu studieren, war eher durch das Ausschlussprinzip bedingt als durch ein ausgeprägtes Interesse an ökonomischen Fragestellungen. Ich hatte viele Interessen und konnte mir die verschiedensten Studienrichtungen vorstellen. Mich haben Sprachen interessiert, aber Lehrer wollte ich nicht werden und Dolmetscher war für mich auch keine Option. Literatur hat mich auch interessiert, aber ich hatte keine Lust, ein Leben lang in einer Bibliothek zu sitzen. Jura wollte ich nicht studieren, da mein Vater Jurist war und ich mir nicht reinreden lassen wollte. So kam ich letztendlich zur VWL. Nun aber werde ich vieles nachholen: Ich möchte Schöffe werden und ein Buch über den Auerbachs Kinderkalender schreiben, welches nichts mit Ökonomie zu tun hat.

Wie sind Sie zu ihrem Auftritt bei Planet Wissen Anfang März gekommen?

Ich wurde auf Grund meiner Heimtierstudie eingeladen. Sie wollten eine Sendung über Heimtiere machen und sind bei der Recherche darauf gestoßen. Diese Sendung hat mir übrigens mehr Spaß gemacht als die Talkrunden und Podiumsdiskussionen, zu denen ich zum Thema Euro oft eingeladen wurde.

Also machen ihnen Podiumsdiskussionen keinen Spaß mehr?

Mittlerweile mache ich das nicht mehr, weil ich die Illusion verloren habe, die Zuschauer auf diesem Weg noch beeinflussen zu können oder wirklich Argumente an sie herantragen zu können.

Werden wir Sie weiterhin auf dem Campus sehen?

Ja, ich werde am Anfang auf jeden Fall noch eine Veranstaltung pro Semester halten. Im Wintersemester werde ich eine VWL-Vorlesung als Schlüsselqualifikation für andere Studiengänge anbieten. Das habe ich letztes Semester zum ersten Mal gemacht und das kam sehr gut an. Im Sommersemester wird es wahrscheinlich ein Master-Seminar für Studierende unserer Fakultät sein. Darüber hinaus werde ich auch nach wie vor den einen oder anderen Artikel verfassen oder Vorträge halten. Aber ich werde auch selbst vielleicht als Zuhörer in der einen oder anderen Vorlesung auftauchen, allerdings nicht an unserer Fakultät.

Generell muss man sich aber fragen, was gesellschaftlich wirklich wertvoll ist. Manchmal erscheint es mir gesellschaftlich gesehen sinnvoller, sich in einem Hospiz ehrenamtlich zu engagieren oder (mit oder ohne Hund) Bewohner eines Pflegeheims zu besuchen und zu betreuen oder ähnliches. Da gibt es genügend Bedarf und Möglichkeiten für alle, die auch im Ruhestand noch etwas Positives bewirken wollen!

Sie wollen also voll weiter machen?

Ja schon, nur mit anderen Schwerpunkten. Ich habe viele Pläne, von denen ich natürlich nicht weiß, ob ich das dann auch alles so umsetzen kann und werde. Aber deswegen gehe ich ja schon früher, mit 63, damit ich noch fit bin und vieles machen kann. Ich habe recht früh angefangen und deswegen gönne ich mir das auch, etwas früher zu gehen. Ich darf dann natürlich nicht in den Veranstaltungen gegen die Rente mit 63 wettern. J

Dann gibt es also Unterschiede in der ökonomischen Beurteilung von Sachverhalten?

Es ist ja oft so, dass man zwar weiß, was gesamtwirtschaftlich gut und richtig wäre und doch ist das individuelle Verhalten anders. Als Ökonom weiß man z.B. auch, dass der Staat oft ein ineffizientes Ausgabengebaren hat. Aber an der Uni wird das auch von uns Ökonomen genauso gemacht. Wir bekommen aktuell relativ viel Geld vom Land ohne optimale eigene Verwendungsmöglichkeiten. Eigentlich wäre es besser, wenn es an anderen Stellen ausgegeben werden könnte, wo es dringender gebraucht wird (z.B. auch außerhalb der Uni). Aber dies geschieht nicht, jeder will ja „sein“ Geld behalten. Andererseits gibt es aber natürlich auch positive Beispiele der Verwendung zeitweilig hoher Geldzuflüsse. Z.B. das LSG: Ich hätte beim Bau des Gebäudes nie gedacht, dass das so gut angenommen wird. Hatte stattdessen befürchtet, hier werden auch wieder nur öffentliche Gelder verschwendet. Aber stattdessen ist dieses Gebäude wirklich produktivitätssteigernd.

Zusammenfassend kann man also sagen, dass Sie im Ruhestand keine Ruhe haben werden. Sie werden als Schöffe arbeiten, sich sozial im Hospiz oder Altenheim engagieren, ein Buch schreiben und von Zeit zu Zeit eine Vorlesung halten und andere Vorlesungen besuchen…

Frau Ohr: Ja genau, und viel, viel Zeit mit Spaziergängen mit meinem Hund Nicos oder seinem Nachfolger verbringen, Familie und Freunde häufiger treffen, Hobbies wie Skat und Tischtennis pflegen, und viel lesen; ich lese sehr gerne, auch Thriller und nicht nur das typische „gute“ Buch. Außerdem glaube ich, dass ich mich viel freier fühlen werde. Ich werde weniger Termindruck haben und mir meine Termine eher selbst setzen können. Man hat zwar als Professor auch so schon den Vorteil, sich die Arbeit selbst einteilen zu können, allerdings immer mit dem Gefühl, nie fertig zu sein, immer auch am Wochenende etwas tun zu müssen. Und diesen Druck nicht mehr zu haben, werde ich sehr genießen.

Zusatzfrage: Wie betrachten Sie die Entwicklung der Promotionsverfahren?

Das gefällt mich nicht so gut. Früher wurde ausschließlich mit einem Buch promoviert und heute mehrheitlich kumuliert – über drei oder vier Paper. Meiner Meinung nach waren die Bücher anspruchsvoller und tiefergehend. Die Paper sind meistens empirisch, mit deutlich knapperer theoretischer Fundierung. Empirische Untersuchungen zu denselben Fragestellungen haben aber oft eine große Varianz in den Ergebnissen, so dass daraus ableitbare wirtschaftspolitische Empfehlungen eher willkürlich erscheinen. Allerdings empfehle ich den eigenen Promivierenden am Lehrstuhl trotzdem mittlerweile auch die kumulierte Promotion über mehrere Artikel, weil Journalartikel heutzutage das einzige sind, was zählt. Dass generell alles (auch in Berufungsverfahren) nur noch nach Anzahl und Rang von Journalbeiträgen bewertet wird, und da man – um in hochrangige Journals hinein zu kommen – möglichst Mainstream produzieren und das heißt empirisch arbeiten muss, führt dazu, dass immer weniger anwendungsorientiert publiziert wird. Wer also tatsächlich vor allem konkrete Politikempfehlungen ableiten möchte, kommt kaum in die Journals rein. Umgekehrt: Wer in der Wissenschaft Karriere machen will, muss etwas machen, was unter Umständen in der Tagespolitik nicht umsetzbar ist, was für ein gesellschaftswissenschaftliches Fach schade ist.

Aber andererseits, wenn man ehrlich ist, sagen die Älteren immer, dass früher alles besser war, sodass ich mich da mittlerweile aus dieser Diskussion komplett heraus halte. [lacht] Und die jeweilige neue Generation kommt mit ihrer eigenen Art und Weise klar und dabei kommt auch etwas Gutes heraus. Ich bin mit dem alten Weg der Promotion aufgewachsen und den finde ich gut, die heutige Generation kennt eher den neuen Weg und findet ihn gut, und dadurch ist dies zur Zeit ja auch das, was vom (Wissenschafts-)Markt verlangt wird.

Darüber hinaus gibt es aber ja auch immer diese Wellenbewegungen in der Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaft, d.h. viele Entwicklungen wiederholen sich und entsprechend passen sich dann auch wieder die Vorstellungen an. Zum Beispiel die Diskussion über feste und flexible Wechselkurse. Diese gab es schon während meiner Studienzeit und sie kam zur Einführung des Euro wieder auf; dabei wurden dieselben Argumente für und wider gebracht und dieselben Fehler gemacht. Betrachtet man aber nun aktuelle wirtschaftswissenschaftliche Artikel, so beziehen sich diese häufig nur auf andere (aktuelle) Quellen, welcher vielleicht nur eine „Halbwertszeit“ von ein bis zwei Jahren haben, da sie empirisch sind und dann die Daten veraltet sind. Früher dagegen konnte man einen wissenschaftlichen Artikel über Jahrzehnte verwenden, weil er eine inhaltliche qualitative Aussage hatte, und nach Jahrzehnten immer noch relevant war und immer noch gelesen wurde, das fehlt einfach in der heutigen Zeit. Damit verbunden ist, dass viele junge Leute gar nicht um ältere Literatur wissen, in welcher viele ökonomische Probleme von heute schon sehr anschaulich, verständlich und auch differenziert betrachtet wurden. Stattdessen schauen sie nur auf die aktuellsten Quellen und erfinden dann das Rad neu, dabei gab es viele Überlegungen und Diskussionen schon vor 30 oder 40 Jahren…

 

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